Gegenwind Raven e.V.

Ein Lob für unsere Volksvertreter!

 

Entgegen anders lautender Meinungen, halte ich es für äußerst begrüßenswert, dass sich unsere gewählten Volksvertreter so nonchalant über die Bürgermeinung hinweg setzen. Das zeugt von Größe und Souveränität, denn auf das Wahlvolk zu hören, dessen Meinung gar ernst zu nehmen oder sich mit ihr auseinander zu setzen, hält nur auf und lenkt den Blick vom Wesentlichen ab.

 

Ebenso halte ich die Geschwindigkeit, mit der unsere Volksvertreter aus Oldendorf einen Sachverhalt zur Kenntnis nehmen, für phantastisch: Nur sechs Monate, liebe Mitbürger, ist äußerst beeindruckend, wie Sie mir sicherlich zustimmen werden, denn es hätten ja auch 9, 12 oder 18 Monate werden können. Ich habe gehört, dass sich bereits einige Vorstände von DAX-Konzernen in Oldendorf für ein persönliches Coaching angemeldet haben, um zu lernen, wie man solch atemberaubend schnellen Kenntnisnahme-Prozesse auch auf die freie Wirtschaft übertragen kann. Daher bitte ich Sie an dieser Stelle explizit um Respekt für unsere Volksvertreter und Verständnis dafür, dass Sie zum Wohl der Bürger nichts überhastet zur Kenntnis nehmen können.

 

Auch möchte ich Bürgermeister Jürgen Rund ausdrücklich in Schutz nehmen. Dass er keine Antworten auf wesentliche Fragen hat – trotz sechsmonatiger „intensiver Vorbereitung und Abwägung“ – ist in keiner Weise auf Ignoranz, Desinteresse oder gar fehlenden Durchblick zurückzuführen, liebe Bürger, sondern ist lediglich eine geschickte Finte für Ihr Wohl: Er spielt nur den Ignoranten, den Desinteressierten. Er gaukelt uns nur vor keinen Durchblick zu haben, um uns vor uns selbst zu schützen! Er will Sie einfach nicht mit den einseitigen wirtschaftlichen Interessen einiger weniger Großbauern psychisch belasten. Er schützt Sie vor der Überforderung die Abhängigkeiten der Politik von der Wirtschaft verstehen zu wollen. Und er will vermeiden, Ihnen mit unverständlichen Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen von Großprojekten den Nachtschlaf zu rauben. Alles zu Ihrem Wohl, liebe Bürger. Ein brillanter Schachzug, meiner Meinung nach.

 

Außerdem, liebe Mitbürger: „Mutti“ hat die Energiewende angeordnet. Und wenn von oben etwas angeordnet wird, dann ist es gefälligst zu befolgen. Dieses Verhalten hat in der Bundesrepublik schließlich eine große Tradition! Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Volksvertreter plötzlich eine eigene Meinung entwickeln, Entscheidungen von „Oben“ in Frage stellen oder sich gar seinem Gewissen verpflichtet fühlen würde? Anarchie, Chaos, Gefährdung der Demokratie sind nur drei der entsetzlichen Konsequenzen. Und hören Sie mir auf mit dem „vielleicht gibt es ja alternative Standorte, mit weniger negativen Konsequenzen für die Bürger“. Ich kann es nicht mehr hören: Standorte für Großprojekte, die unsere Volksvertreter zum Wohle der Bürger gewissenhaft und unter Abwägung aller Fakten, bestimmen, sind alternativlos. Hören Sie „Mutti“ doch bitte einmal zu! Auch hätten Sie schon bei der Diskussion um die Asse und Gorleben lernen können, dass es keine Alternativen zu einmal gewählten Standorten gibt. Also wozu das Geschrei? Zügeln Sie bitte Ihre unverschämten Erwartungen, dass einmal getroffene Entscheidungen so mir nichts dir nichts umgeworfen werden, nur weil sie, liebe Mitbürger, nicht einverstanden sind. Auch in der freien Wirtschaft werden schließlich einmal getroffene Entscheidungen konsequent bis zum Ende durchgezogen. Koste es was es wolle. Ein Topmanager eines Konzerns würde es nie wagen eine einmal getroffene Entscheidung in Frage zu stellen oder gar zurückzunehmen, auch wenn noch so viele negative Fakten auftauchen und die Aktionäre anderer Meinung sind.

 

Und kommen Sie mir bitte jetzt nicht mit gesundheitlichen Erwägungen! Wir wissen doch alle, dass unsere gewählten Volksvertreter nur unser Bestes im Sinn haben und viel besser informiert sind als wir. Wie? Im Internet sind die Gesundheitsschäden dutzendfach dokumentiert und es gibt eine Reihe seriöser Studien, die dies eindeutig belegen? Sie werden doch nicht alles glauben, was im Internet steht, oder? Außerdem: Sind sie denn alle Ärzte? Das können unsere Volksvertreter, ich unterstelle, allesamt promovierte Mediziner, doch viel besser beurteilen. Also liebe Mitbürger: Ein bisschen Vertrauen in die Fachkenntnisse unserer Volksvertreter sollten Sie schon haben!

 

Dann noch dieses ständige Heulen, dass ein paar Tiere gefährdet sind. Der Tiger stirbt schließlich auch aus. Also haben Sie sich bitte nicht so! Biotope braucht doch kein Mensch! Immer dieses nerv tötende abendliche Quaken der Frösche und Kröten, das lästige Zirpen der Grillen, die Plage mit den Stechmücken.  Von all dieser Pein befreien uns unsere Politiker. Seien Sie dankbar! Und für alle, deren ökologisches Gewissen sich immer noch nicht beruhigt hat, werden eben weitere Warnschilder für Krötenwanderungen aufgestellt. Das muss aber dann auch mal reichen.

 

Dazu kommt noch dieses ganze Gewinsel um die Verschandelung eines Urlaubsgebietes. Ich bitte Sie. Wir bekommen die höchsten Windräder der Region. Tausende von Touristen werden in die Region strömen um diese Wunderwerke modernster Technik mit eigenen Augen zu bewundern.  Und auch, dass die Windkrafträder die meiste Zeit still stehen werden, hat einen auf der Hand liegenden Grund: damit die Touristen einen besseren Blick  auf diese Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst werfen können. Nur Schandmäuler würden an dieser Stelle von staatlich organisierter Landschaftszerstörung sprechen oder gar von der sinnlosen Verschwendung von Steuermitteln zu Gunsten einiger Weniger.

 

Und unterschätzen Sie, liebe Mitbürger, bitte nicht den romantischen Aspekt der Windkraftanlagen:  Wer hat in Holland bei dem Anblick der vielen Windmühlen nicht schon mal gehaucht „Ach, wie schön, wie romantisch“. Oder denken Sie an die Mancha in Spanien, an Don Quijote und seinen heroischen Kampf gegen die Windmühlen.

 

Die Karl May Festspiele in Bad Segeberg sind tot, liebe Mitbürger. Wie zu hören ist, liegen in den Schubläden der abgewetzten Schreibtische unserer weitsichtigen Volksvertreter bereits konkrete Pläne für „Cervantes-Festspiele“ in der Region. Ich sehe es förmlich vor mir: Die Großbauern der Region ziehen auf Ihren Treckern in den Kampf gegen die Windkraftanlagen. Rasen mit aufjaulenden Dieselmotoren direkt auf die Windkraftanlagen zu, als gälte es sie in einem Stoß zu fällen. Der Schlamm spritzt unter den durchdrehenden Rädern nur so weg und das Volk steht in ärmlicher, regionaler Tracht Spalier und jubelt dem Geschehen zu. Dann, im letzten Moment, hauen die Bauern die Bremen rein und kommen in einer tiefen Bremsfurche kurz vor den Windkraftanlagen zum Stehen. Das Volk strömt auf sie zu und unter Hochgesängen und Lobpreisungen werfen Sie Ihnen Euroscheine aus Steuermitteln zu. Welch ein Spektakel! Selbst Christoph Schlingensief wäre begeistert. Die Touristen jubeln und applaudieren, bedrängen die Großbauern, bitten Sie, Ihnen ein Autogramm zu geben und schwören auf Knien vor den Windkraftanlagen im nächsten Jahr wieder zu kommen. Das schafft Arbeitsplätze. Fördert den Tourismus und macht die Region weltweit bekannt.

 

Auch die ewigen Miesfinder und Madigmacher werden verstummen, die seit Anbeginn die Wirtschaftlichkeit des Bürgerparks angezweifelt und nachgewiesen haben. Hallo? Noch immer nicht gecheckt? Es handelt sich bei den Windkraftanlagen doch um kein Projekt, das wirtschaftlich betrieben werden und den Bürgern durch Windkraft Nutzen bringen soll, sondern um eine entscheidende Requisite für die Festspiele. Hier entsteht der Nutzen. Und von der Elbphiharmonie erwarten Sie doch auch nicht, dass sie sich jemals selbst trägt, oder? Also, hören sie endlich auf mit diesen albernen wirtschaftlichen Argumenten, denn schließlich handelt es sich um ein staatlich finanziertes Projekt, um exzellent angelegte Steuergelder also, und nicht um so ein lächerliches Projekt der freien Wirtschaft von dem die naiven, kurzsichtigen und sachverstandsfernen Manager erwarten, dass es wirtschaftlich sein muss, um es umzusetzen.

 

Nein. Der Bürgernutzen der Windkraftanlagen liegt in den Cervantes-Festspielen und den damit verbundenen Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten, Würstchen und Wimpeln. „Umweg-Rentabilität“ ist hier das Wort der Stunde. Und die Idee hat Zukunft: Wie man hört soll Felix Baumgartner bereits Interesse geäußert haben, sich jeden zweiten Samstag in einem Raumanzug von der höchsten Windkraftanlage zu stürzen, um an seinen legendären Sprung aus der Raumkapsel zu erinnern. Und dies ist nur eine der vielen Möglichkeiten.

 

Ich hoffe, liebe Mitbürger,  Sie erkennen jetzt endlich  die Brillanz des Masterplans unserer genialen Volksvertreter und hören endlich mit Ihrem Genörgel auf. Denn mit unserem Bürgerpark ist es wie mit dem Euro: Er wird Vorteile für alle bringen, die Bürger in Solidarität fest zusammenschweißen, das Gemeinwohl fördern und unseren Wohlstand mehren. Fragen Sie einfach die Griechen oder die Spanier.

Thomas Roithmeier

(Der Verfasser dieser Glosse ist ein Unterstützer der BI)


Zuletzt bearbeitet: 2015-06-22, 19:45

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